Histoire/ Geschichte. Europa und die Welt seit 1945

Histoire/ Geschichte. Europa und die Welt seit 1945, Guillaume Le Quintrec und Peter Geiss (Hrsg.), Deutsch-französisches Geschichtsbuch, Gymnasiale Oberstufe, Stuttgart/ Leipzig: Ernst Klett Schulbuchverlage, 2006, 336 Seiten, ISBN: 3-12-416510-1

Einleitung

Am 10. Juli 2006 erschien das erste deutsch-französische Geschichtsbuch. Bei diesem ehrgeizigen Projekt handelt sich um ein in beiden Ländern inhaltlich identisches Schulbuch, das vom Klett-Verlag auf Deutsch und von den Éditions Nathan auf Französisch herausgegeben wird. Das deutsch-französische Geschichtsbuch bereichert seit dem Schuljahr 2006/07 den Schulbuchmarkt und ist zugleich das erste bundesdeutsche Geschichtsbuch, das in allen 16 Ländern im Unterricht eingesetzt werden kann.

Dieser erste Band thematisiert die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Im Frühjahr 2008 erschien der zweite Band, der sich mit der Zeit des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt. Mit dem Zeitraum von der Antike bis zur Romantik beschäftigt sich der dritte Band.

Der Vorschlag für ein gemeinsames Geschichtsbuch entstand im Jahre 2003 im deutsch-französischen Jugendparlament, anlässlich des 40. Jahrestages des Elysée-Vertrages. Die Regierungen beider Länder nahmen die Idee auf und organisierten die Umsetzung. Auf deutscher Seite waren das Auswärtige Amt und der Bevollmächtigte für die deutsch-französischen Kulturbeziehungen, auf französischer Seite das Erziehungsministerium beteiligt.

Eine deutsch-französische Projektgruppe wurde eingerichtet, die aus anerkannten Historikern, Schulbuchexperten und einigen Fachbeamten beider Staaten besteht. Sie bereitete die Umsetzung des anspruchsvollen Vorhabens entscheidend vor. Dabei hatte sie die schwierige Aufgabe, 17 verschiedene Lehrpläne – einen französischen und 16 deutsche – inhaltlich so zu berücksichtigen, dass die Prüfungsvoraussetzungen aller Länder abgedeckt wurden. Doch dieser Spagat gelang, auch wenn das Lehrwerk über 300 Seiten zählt, bleibt es handlich, übersichtlich und für jeden Schüler „tragbar“. Trotz unterschiedlicher pädagogischer und didaktischer Methoden und Traditionen in beiden Ländern zeigt die Projektgruppe Mittel und Wege auf, Geschichte so zu schreiben, dass sie beiderseits des Rheins in verwendbaren Texten mündet. Dass dies keineswegs unproblematisch verlief beweist der Umgang mit zentralen Begriffen der Geschichtswissenschaft. Während „Geschichte“ im deutschen Sprachgebrauch die Wahrnehmung von und Erinnerung an das Geschehene umschreibt, steht im Französischen dafür das Wort „memoire“. Dieser Begriff bedeutet in der Übersetzung jedoch „Erinnerung“ und ist zugleich mit dem passiv besetzten Begriff „Gedächtnis“ besetzt.

Im ersten Band wird der überschaubare Zeitraum vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart umrissen. Die Kapitel sind in Aufbau und Layout übersichtlich und ansprechend gestaltet. Dies ermöglichen kurze Überblickstexte zum jeweiligen Thema mit markierten und erläuterten Grundbegriffen, farblich abgesetzten Auszügen aus Quellentexten, Statistiken, Bildreproduktionen und jeweils zwei bis vier Fragen bzw. Anregungen. Weiterhin wird die Übersichtlichkeit des Schulbuches durch einen Anhang mit Kurzbiografien, Glossar und Hinweisen zu grundlegenden Arbeitsmethoden gewährleistet. Zudem enthält der deutsche Band eine CD mit zusätzlichen Quellentexten zu den einzelnen Kapiteln, die sich jedoch von den französischen Zusatzmaterialien unterscheiden. Auf ein umfangreiches Quellenverzeichnis, das eine tiefgründigere Beschäftigung mit dem Thema oder Einzelaspekten erleichtern würde, fehlt jedoch. 

Fachwissenschaftliche Aspekte

Den Herausgebern ist es gelungen, zentrale Ereignisse und Entwicklungslinien europäischer Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven wiederzugeben. Deutsche Schüler erfahren dadurch, wie auch in Frankreich mit der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus gehadert wurde. Sie lernen die jahrelang wichtige Rolle der Kommunisten im Nachbarland zu verstehen und erkennen weiterhin, warum der Zerfall des französischen Kolonialreiches in den Kriegen in Indochina und Algerien mündete. Widerrum erhalten französische Schüler einen Einblick in den Alltag der DDR oder die deutsche Debatte um die Schuld an den Gräueltaten der Nazis. Damit lädt das Lehrwerk zum Relativieren und Differenzieren ein.

Zu bemängeln ist jedoch der Umgang mit dem hochsensiblen Thema „Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg“ im zweiten Kapitel. Dies wurde lediglich auf die Erinnerung an die Shoah an vier künstlich geschaffenen neuen Gedenkorten in Jerusalem, Washington, Berlin und Paris exemplifiziert (S. 36f), die nicht einmal authentische Orte der Verbrechen sind. Lediglich ein Foto des Mahnmals von Auschwitz-Birkenau von 1967, ergänzt mit einem kurzen und nicht wertfreien Text, lässt diese Gedenkstätte neben den benannten Shoah-Gedenkorten fast als irrelevant erscheinen. Die Vernichtungslager Majdanek, Belzec, Sobibor und Treblinka finden noch nicht einmal Erwähnung.

Trotz dieser inhaltlichen Kritik bietet das Schulbuch die Chance, dass der jüngere Generationen ein europaweit einheitliches Geschichtsbild vermittelt werden kann und dies obwohl das Lehrwerk zugleich Ausdruck der Geschichtsfachdidaktiken beider Länder ist. Der Versuch, zwei unterschiedliche Unterrichtskulturen zu integrieren, ist gelungen.

Methodisch-didaktische Aspekte

Bislang kennzeichnen sich deutsche Schulbücher durch umfassende Informationen, die nicht selten mit unstrukturierter epischer Breite verwechselt werden. Dies hat zur Folge, dass die Mehrheit der Schulbücher der Sekundarstufe II text- und quellenlastig ist, auch wenn sie versuchen, die eigene Urteilsbildung anzuregen. Demgegenüber wird in Frankreich der Schwerpunkt auf die Wissensvermittlung mit Hilfe vieler Bildmaterialen und Grafiken gesetzt. Durch die ausgewogene Mischung verschiedener landestypischer Quellengattungen und Materialien wurde m. E. das Ziel der federführenden Historiker erreicht, den Schülern einen möglichst großen Freiraum zur Informationsbeschaffung zu geben. Einerseits wird der Schüler zum eigenständigen Arbeiten und zur Förderung des individuellen Standpunktes motiviert, andererseits werden ihm klare Strukturen und Anleitungen sowie größere Bildquellen und ein farbigeres Layout zur Hand gereicht. Diese Voraussetzung eröffnet den Schülern die Grundlage ein besseres Verständnis zu ihrer eigenen Geschichte aufzubauen.

Aufgabenstellung

Ausdruck finden die landestypischen Geschichtsdidaktiken auch in einer unterschiedlichen Aufgabenkultur. Ein deutscher Schüler wird verwundert darüber sein, mit diesem Lehrwerk eher ein Arbeitsbuch, anstelle eines enzyklopädischen Wissensspeichers vorzufinden. Widerrum dürfte es für einen französischen Schüler ungewohnt sein, wenn er aufgefordert ist, für den Bürgermeister der Stadt Nürnberg anlässlich des 60. Jahrestages der Nürnberger Prozesse eine Rede zu schreiben (Vgl. S. 21). Aufgrund dieser Aufgabenvielfalt ist die Formulierung der Fragen und Anregungen gleichzeitig jedoch nicht immer einheitlich und nachvollziehbar. Zudem unterscheiden sie sich durch große Niveauunterschiede. Dies mag daran liegen, dass in Frankreich die Quellen meist viel unmittelbarer mit dem Verfassertext verbunden sind, was den Schüler zu einer präzisen Fragestellung anleitet. So wurden denn auch bei manchen Fragen und Anregungen ausschließlich „W-Fragen“ benutzt (z.B. S. 89, 147, 157 oder 169). Anderenorts widerrum findet der Schüler treffende Operatoren als konkrete Handlungsaufforderungen vor (z.B. S. 55, 105, 137 oder 267). Vor dem Hintergrund Einheitlicher Prüfungsanforderungen, die eine Berücksichtigung aller Niveaustufen fordern, hätten die Aufgabenformulierungen angeglichen werden müssen.

Fazit

Insgesamt jedoch scheinen sich die Autoren schnell über Themen und Methoden, Materialien und Aufgabenstellungen problemlos geeinigt zu haben, da die Einflüsse der verschiedenen Schulkulturen im gleichen Maß zu erkennen sind und dadurch möglicherweise verschiedene Lerntypen angesprochen werden.

Abschließend ist die Besonderheit des Geschichtsbuches zu würdigen, die in seiner doppelten Bedeutung liegt. Zum einen ist der bildungspolitische Stellenwert nicht zu unterschätzen, da sowohl Fach- als auch Schulbuchexperten beider Länder gemeinsam ein in beiden Ländern anerkanntes Lehrwerk kreierten. Zum anderen ist der psychologische Effekt dieses Geschichtsbuches wichtig, denn Jugendliche aus Deutschland und Frankreich lernen aus dem gleichen Buch die jeweilige Geschichte ihres Landes sowie die gemeinsame europäische Geschichte kennen. Das Lehrbuch leistet damit einen Beitrag für die Vermittlung und Wahrnehmung der Vergangenheit aus Sicht der jungen Deutschen und Franzosen im zusammenwachsenden Europa.

Toralf Schenk, Juni 2008